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Nach dem "Parteitag von Attac"

Ganz allgemeine und persönliche Gedanken zu Kulturattac und Attac-Kultur

Ratlos nach dem Ratschlag von Attac in Hamburg (29. Bis 31. 10.04)


In Attac versammeln sich viele unterschiedliche politische Strömungen aus der linken Szene, von ein paar verstreuten Anarchisten über Gewerkschaftsleute und linksliberale Goodwiller bis hin zu einigen wieder etwas mehr gefragten Strukturmarxisten der politischen Eintracht.

Entsprechend breit ist auch die Streuung der darin aufkommenden politischen Einfälle und Anträge, entsprechend überfordert sind die Beteiligten und entsprechend engagiert verweigern sie sich auch den Bemühungen um die entscheidenden Details.

Immerhin sammeln sich in Attac linke Vorstellungen, Texte und Plakate, die damit mehr und breiter vermittelt sind, als sie es ohne Attac wären und auch in andere Medien streuen, soweit Attac dort als eine Art Bürgerbewegung wahrgenommen wird. Wenn man Attac als eine solche Sammlung von linken Positionen zur Globalisierung begreifen könnte, wäre das auch ok und so hatte ich es auch verstanden und so hatte sich Attac wohl auch begründet.

Aber Attac ist für sich ziemlich konservativ und paralytisch. Wer dort etwas einbringen will, das nicht dem Datenbestand vorhandener, meist älterer linker Formulierungen entspricht, wird keine große Chance haben, in Attac wahrgenommen oder gar akzeptiert zu werden. Attac ist in vielfältiger Hinsicht eine Sammel- und Versammlungsbewegung. Jede und jeder kann dort mitmachen, sofern er oder sie nur als linker Mitmensch dabei sein will in der Masse linker Plakatierungen, mit aufarbeitet, was gegeben ist, mit formuliert, was plausibel ist und mit organisiert, was Organe bekommen soll.

Schwieriger wird es, wenn er oder sie sich in Attac gestaltend einbringt. Jedes Engagement wird hier reduziert auf die Reproduktion bekannter Fragestellungen und auf eine Art Abstimmungsverhalten hierzu, das Konsensbeschluss genannt wird. Der aber macht neue Probleme, die viel Kraft und Energie aufzehren. Er will weitgehende Einigkeit erreichen, ohne dass eine Minderheit niedergestimmt wird. Hierfür gibt es ja auch andere Arten von Minderheitenschutz, die explizit formuliert sind (z.B. Dreiviertelmehrheit usw.). Der Konsensbeschluss aber will appellieren, einfache Gemeinschaft dafürhalten und Geschlossenheit behaupten, Einheit in der Vielfalt. Doch die geht nur inhaltlich. Die allseits behauptete Geschlossenheit ist ohne diesen bloße Form, wird zu einer Worthülse und bewirkt das Gegenteil, ist Offenheit für alles, was keinen Sinn erweisen muss. So stampft der Konsensbeschluss hinterrücks oft die Substanz des Engagements vieler Leute in eine Art Einheitssuppe, die man vielleicht noch mit einem etwas verkrampften Lächeln runterschlucken kann, wenn die Hauptsache ist, dabei zu sein. Streit um etwas Substanzielles ist praktisch unmöglich, wenn Abstimmung als Konsensverhalten verschleiert ist, indem die Gegenstimme formell einvernommen wird Kompromiss um jeden Preis. So ensteht weder Einheit noch Vielfalt und eher eine politische Scheinwelt von Artikulationen, hinter denen niemand so richtig stehen kann.

Auf dieser Grundlage war wohl die Geschichte mit Kulturattac entstanden: Intellektuelle, GeisteswissenschafterInnen, musizierende, schreibende und bildnerische KünstlerInnen konnten das nicht hinnehmen, ohne sich selbst aufzugeben. Sie wollten eine eigene Art der Artikulation ihrer Anliegen finden, um sich in Attac einzubringen, engagierten sich mit Ihren Ausdrucksmitteln gegen die Globalisierung und brachten mit Theater, Musik, Literatur, Bilder, Ethik- und Kulturkritik viele Anstöße im Kampf gegen die Globalisierung des Kapitals ein. Bedingung hierfür war, dass es frei und ohne Subordination unter Attac geschehen konnte.

Es scheint, dass Kulturattac wieder zurück versenkt werden soll in den Brei einer zur Instanz überhöhten Organisation, in der inhaltliche Aus-Einander-Setzung unmöglich und also auch kein Zusammensetzen möglich ist. Dies begann mit der Reaktion von Attac auf einen Versuch von Davide Brocchi, für Kulturattac eine Finanzbasis zu schaffen. Als Italiener wusste er vielleicht auch nicht, was das Wort Agentur für einen linken Deutschen bedeutet. Weil sich Attac in keiner Weise zur Finanzierung von Kulturattac verhielt, wollte er zur Finanzregelung eine Kulturattac-Agentur einrichten, die finanziell und wirtschaftlich etwa so funktionieren sollte, wie Share e.V. für Attac. Das brachte Leute von Attac dazu, an Kulturattac, das sie offensichtlich vordem nicht zur Kenntnis genommen hatten, zu zweifeln. Wo leere Worte alles gelten, da ist man auch schnell zur Hand mit Wortgewalt: Da will jemand Geschäfte machen! So einfach ist das, wenn man etwas oder jemanden nicht leiden kann und ein ungeschicktes Wort gelegen kommt. Niemand wollte das Problem wirklich und richtig klären.

Stattdessen begannen einige am Wortspiel interessierte Leute sich in Kulturattac einzumischen, die kompletten Datenbestände und Zugänge zu kassieren und sich als Ordnungshüter für Kulturattac aufzuspielen. Nachdem sie die Unmöglichkeit einer geordneten Finanzregelung bei Kulturattac auch dadurch festgestellt hatten, dass die Finanzen tatsächlich nicht geregelt waren, stellten sie sich ganz ordentlich empört, und empfahlen sich als Retter einer marode scheinenden Verwaltung. Das Marode war aber der Zustand, den Attac durch systematische Nichtbefassung geschaffen hatte. Kulturattac konnte keine Rechnung mehr zahlen, weil es noch nie eine Adresse für ordentliche Rechnungen bieten konnte. Vieles war schlicht und einfach von den Leuten spendiert oder vorgestreckt, die auch selbst für Kulturattac arbeiteten, ihre Zeit verschenkten und als sie nach Geldmittel Ausschau hielten, wurden sie als Verwaltungschaoten hingestellt. Das ist bitter aber lehrreich.

Es zeigt eine zur Gänze in eine Art politische Metapartei abgehobenen politische Gruppierung, die sich nicht mal mehr mit der Existenz ihrer Arbeitsgemeinschaft befassen will. Sicher: Attac ist keine Partei, denn es hat kein Parteiprogramm und weiß nicht wo es lang geht, denn Ziele, um die zu streiten wäre, hat man nicht, höchstens Jahreslosungen. Dafür weiß Attac aber sofort, was nicht geht. Und das wird nicht umgesetzt als Direktive, sondern mit Konsens, mit "Demokratie von unten", die von oben kommt, weil nur dort abgestimmt wird. Ein Konsensbeschluss ist ein Beschluss darüber, ob etwas überhaupt diskutiert werden sollte oder man sich gleich einig oder uneinig sein und bleiben will. Und solcher Konsens befördert seltsame Scheinwelten ins Unermessliche. Da wird eine Gruppe geschaffen, die man vielleicht garnicht will, aber haben muss, oder doch will, aber nicht ertragen kann oder doch erträgt, aber nicht wirklich. Wirklichkeit wird damit sehr schwierig, besonders die Wirkungen hiervon.

Nein! Es fehlt nicht an Geld. Attac nämlich hat Geld genug. "Es ist genug für alle da!" (Attac-Slogan für eine bessere Welt) Aber es soll nicht verschleudert werden, schließlich ist viel zu tun. Und wo Geld fließt, muss es um etwas Wichtiges gehen. Was also ist von den Gruppen und Arbeiten wichtig? Etwa Kulturattac, das sich zögerlich meldet und seine Geldsorgen anmerkt? Nein? Und warum nicht? Vielleicht, weil es nicht ordentlich ist?

Warum sich Attac nicht mit dem Problem von Kulturattac befassen wollte und bis heute nicht wirklich will, ist erst mal schwer begreifbar. Das zu beantworten erscheint erst mal unmöglich. Erst mal war es ja nur Personalkram: Da wollte jemand, dass etwas an dem Schlamassel geändert wird, ohne dass es wirklich anders wird, - vielleicht weil er ein ordentlicher Mensch ist oder weil er ein Erlösertyp ist oder weil er jemandem imponieren wollte oder alles zusammen. Man weiß es nicht. Warum soll Kulturattac zumindest empfindlich gestört werden, um dann in eine Ordnung eingebunden zu werden, die gar nicht vorhanden ist? Wer will da aufräumen, ohne seine eigene Ordnung zu kennen oder etwa sogar mitzuteilen? Wenn mensch das, was in der ganzen Geschichte zu verspüren ist, zusammennimmt, dann entsteht ein seltsames Hintergrundbild.

Hierzu gehört als erstes, dass Kulturattac für Attac ein ganz kleiner Versuch der Selbstbestätigung in Sachen Kultur ist, ein Wurm, eher ein Wurmfortsatz, der sich selbst zu bewegen begann - und das sollte er eigentlich nicht. Er sollte schmücken und zugleich auch Tanzbär sein für schicke politische Auftritte und Aktionen, manchmal vielleicht auch der Affe, der den Spendenhut aufhält. Das ist eigentlich für politische Leute ein ziemliches Monster aber "wenn es jemand macht", dann lässt man ihn. Politisch sein kann ja auch relativ sein. Auf jeden Fall muss man ja auch relaxen.

Aber eines wollte man nicht und hatte man nicht bedacht: Dass nämlich Kultur selbst politisch ist. Denn das wäre eine Aufhebung der so schön klaren Realpolitik, der Politik mit dem Mangel nein nicht mit der Mangelverwaltung sondern mit dem Gegenteil, mit dem Reichtum, den man überall wähnt und nirgendwo wahrnimmt, außer in den Kassen der Reichen. Ist es wieder der alte "Neid auf das Bestehende?" (Marx), der die Leute zum politischen Handeln treibt? Braucht mensch das Elend der Welt, um sich im Recht zu dünken? Ist es das gute Gefühl für die gute Sache, die man nach richtungsweisenden Beschlüssen mit nach Hause tragen kann, um dann seine Privatwelt in Begeisterung versetzen zu können und zu ertragen?

Tja. Kulturattac stört. Nicht jeden. Aber es ist etwas anders, etwas unkontrollierbar, etwas verrückt. Es passt nicht in die Form, worin Massen gebändigt werden müssen, wo man ihre Meinungen einregeln muss in Anträge, deren Sinn erst im Nachhinein aufgehen kann, wenn sie eingelöst werden. Es fehlt der Hintergrund, auf dem sie entstehen, der Boden, auf dem sie wachsen. Meinungen werden in stato erfunden, wo sie gefragt sind, um in ein parlamentarisches Muster zu passen, ohne dass es ein Parlament gibt, um gerecht zu sein, ohne Richtiges erkennen zu müssen.

Attac ist eine gewaltige politische Lüge für den Selbsterhalt des guten Menschen. Und ich füchte, man weiß es schon. Kulturattac ist vielleicht zu gut für Attac, zu ehrlich, oder Attac fürchtet, dass es zu gut werden könnte. Wer weiß?


Wolfram Pfreundschuh
kulturkritik.net/Muenchen/index.html

 

 

 

 

 

                 
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